Agentur für Gesundheit und Kommunikation

AKTUELLES



ESTRO 36: Interessante Kongresshighlights und weiterhin Kritik an Versorgungssituation


ESTRO 36: Interessante Kongresshighlights und weiterhin Kritik an VersorgungssituationAuf dem Kongress ESTRO 36 Anfang Mai 2017 in Wien drehte sich alles um neue Erkenntnisse aus der klinischen Radioonkologie, Strahlenbiologie, Physik, Technologie, Patientenversorgung, Strahlentherapie und Brachytherapie. Namhafte ÄrztInnen, WissenschaftlerInnen, StrahlentherapeutInnen, PflegerInnen und RadiologieassistentInnen aus aller Welt präsentierten den rund 5.000 TeilnehmerInnen aus über 80 Ländern die neuesten Forschungsergebnisse. Auch heimische ExpertInnen tragen wesentlich zu den Fortschritten in Wissenschaft und Praxis bei. Sie sparen aber auch nicht mit kritischen Anmerkungen zur österreichischen Versorgungssituation mit Großgeräten und Personal. 
 

Anliegen der ÖGRO: hochqualitative und zeitnahe Strahlentherapie

Die Österreichische Gesellschaft für Radioonkologie (ÖGRO) ist seit ihrer Gründung vor rund 30 Jahren bestrebt, für Krebspatienten eine hochqualitative und zeitnahe Strahlenbehandlung zu gewährleisten. Prim. Univ.-Doz. Dr. Annemarie Schratter-Sehn, Vorständin des Instituts für Radioonkologie im Sozialmedizinischen Zentrum Süd – Kaiser-Franz-Josef-Spital, Wien, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Radioonkologie (ÖGRO), sieht es als zentrales Anliegen, diese Aufgabe auch weiterhin mit größtem Engagement zu erfüllen. "Für eine Optimierung der Effizienz der Radioonkologie sind eine adäquate Geräteausstattung mit der entsprechenden Personalausstattung sowie Ausbildung und Fortbildung für alle involvierten Professionen erforderlich", so Prim. Schratter-Sehn. Darüber hinaus ist eine laufende technologische Geräteadaptierung an den geforderten Qualitätsstandard nötig. Von zentraler Bedeutung sind auch die Förderung einer intensiven Aus- und Weiterbildung sowie die Schaffung von Voraussetzungen für eine möglichst reibungslos funktionierende Teamarbeit. Dazu gehört laut Prim. Schratter-Sehn auch, dass die Mitarbeiter aller Berufsgruppen die gleiche Wertigkeit besitzen." 
 
Bereits anlässlich des im Jahr 2014 in Wien abgehaltenen Europäischen Kongresses für Radiotherapie und Onkologie (ESTRO) wurde von der ÖGRO auf die mangelhafte Versorgung der heimischen Krebspatienten mit sogenannten Hochvolt-Geräten (Linearbeschleunigern, Linacs) sowie auf drohende personelle Engpässe hingewiesen. Anlässlich des diesjährigen ESTRO kritisierten heimische ExpertInnen erneut die laut ihrer Meinung nach wie vor unzureichenden Vorkehrungen zur Sicherstellung einer adäquaten Versorgung. 
 

Problematik des Gerätemangels

"Seit 2014 haben einige Bundesländer die Vorgaben bezüglich der Geräteausstattung umgesetzt, andere sind diesbezüglich jedoch weiterhin säumig, wobei ein starkes West-Ost-Gefälle besteht", berichtete Univ.-Prof. Dr. Karin Kapp, Klinikvorständin an der Universitätsklinik für Strahlentherapie-Radioonkologie des LKH-Univ. Klinikum Graz. Unmittelbare Folgen eines Gerätemangels für Tumorkranke sind oft wochenlange Wartezeiten mit entsprechenden Konsequenzen für Prognose oder Lebensqualität. "Da die Strahlentherapie eine unverzichtbare Komponente der Krebsbehandlung darstellt, ist die Qualität der gesamten onkologischen Versorgung gefährdet", warnte Prim. Univ. Doz. Dr. Robert Hawliczek, Abteilungsvorstand des Instituts für Radioonkologie im Sozialmedizinischen Zentrum Ost – Donauspital, Bundesfachgruppenobmann der Bundesfachgruppe Radioonkologie Österreich. Er ortet gesundheitspolitisches Totalversagen, ausgetragen auf dem Rücken der Patienten und konstatiert insbesondere die Notwendigkeit der Trennung einer transparenten, evidenzbasierten, wissenschaftlichen Leistungsplanung und der Umsetzung durch die politischen Verantwortlichen.
 

Drohender Mangel auch an Fachkräften

Die Radioonkologie ist eine multiprofessionelle Disziplin, in der eine enge Zusammenarbeit zwischen Fachärzten, Medizinphysikern und Radiotechnologen notwendig und vom Gesetzgeber auch vorgeschrieben ist. "Ungeachtet dessen wurde es bisher verabsäumt, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, um für eine ausreichende Attraktivität dieser per se extrem interessanten und vielseitigen Berufe zu sorgen", kritisierte Univ.-Prof. Dr. Peter Lukas, Direktor der Univ.-Klinik für Strahlentherapie – Radioonkologie der Medizinischen Universität Innsbruck und Präsident des Dachverbands der onkologisch tätigen Fachgesellschaften Österreichs. In allen drei Disziplinen fehlt es an Nachwuchs – damit ist nicht nur die Qualität der Strahlenbehandlung, sondern auch der onkologischen Versorgung von Krebspatienten insgesamt gefährdet. Prof. Lukas appellierte an die Entscheidungsträger, Karrieremodelle für Mangelfächer, die potenziell wenig Nachwuchs kreieren können, zu entwickeln. Dadurch könnten die Fächer attraktiver gestaltet werden und die Ausbildungen auch von den Anbietern entsprechend beworben werden. Darüber hinaus sollten Politik und Trägereinrichtungen faire und österreichweit einheitliche Entlohnungsstrukturen schaffen. "Ohne diese Motivationsanreize steht zu befürchten, dass es langfristig zu einem Personalmangel kommen wird, der die Qualität der Versorgung von Krebspatienten gefährdet", malte Prof. Lukas ein düsteres Zukunftsszenario.
 

Enorme Fortschritte in vielen Bereichen

Während also die Versorgung auf der Personal- und Geräteebene nach wie vor für Unmut sorgt, besteht große Zufriedenheit mit den wissenschaftlichen Fortschritten. So fanden in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten im Bereich der Radiotherapie bahnbrechende Entwicklungen statt. "Im Vordergrund steht derzeit die Untersuchung der vielen technischen Innovationen auf ihren klinischen Nutzen bzw. auf die Optimierung ihrer Anwendungsbereiche", erläuterte Univ.-Prof. Dr. Joachim Widder, Leiter der Univ.-Klinik für Strahlentherapie der Medizinischen Universität Wien am Wiener AKH. Unter anderem sind neue Kombinationsmöglichkeiten der Strahlentherapie mit anderen neuen Behandlungsoptionen wie beispielsweise der Immuntherapie Gegenstand vieler Studien. Hier gilt es offene Fragen zu Dosierung, Fraktionierung, Definition von zu bestrahlenden Volumina etc. zu klären. 
Auch in verschiedensten Bereichen der Medizinischen Physik wurden in den letzten Jahren weitreichende Fortschritte erzielt. "Besonders interessant sind Weiterentwicklungen u.a. auf den Gebieten Automatisierung, Teilchentherapie, Hybridbildgeräte sowie Informationstechnologie bzw. Bilddatenanalyse", berichtete Univ.-Prof. DI Dr. Dietmar Georg, Leiter der Abteilung für Medizinische Strahlenphysik an der Universitätsklinik für Strahlentherapie der Medizinischen Universität Wien. Zum einen gilt es, Abläufe von der Diagnose über die Therapieplanung bis hin zur Behandlung selbst zu beschleunigen und zu präzisieren. Zum anderen wird das Ziel verfolgt, die Therapie noch weiter zu verfeinern, beispielsweise durch exaktere Diagnoseverfahren sowie Adaptierungen während einer Behandlungsphase beispielsweise, was die Dosis betrifft. Diese Neuerungen ermöglichen nicht zuletzt eine Prognose über das individuelle Therapieansprechen des Tumors sowie über das Erholungspotenzial des Normalgewebes. "Viele dieser innovativen Verfahren halten bereits Einzug in die Klinik bzw. stehen kurz bevor", so Prof. Georg. Damit gelingt es zunehmend, die Behandlungsabläufe zu optimieren und die Therapien noch individueller auf den Patienten maßzuschneidern.
 

Kongresshighlights

Auf dem ESTRO 36, der Anfang Mai 2017 in Wien stattfand, wurden innovative Forschungsergebnisse aus aller Welt präsentiert. Dabei wurde eine Vielfalt von Themenbereichen angesprochen. Hier einige Beispiele:
• Bei Männern mit Peniskrebs ist durch eine Brachytherapie in vielen Fällen eine Organerhaltung mit lediglich milden bis moderaten Nebenwirkungen möglich. Die Betroffenen behalten ein gutes Körperimage. Darüber hinaus bleibt bei der Mehrheit sowohl die Sexual- als auch die Harnfunktion erhalten, wie eine französische Studie demonstrierte. 
• Laut einer Untersuchung der Medizinischen Universität Wien leiden viele Patientinnen mit lokal fortgeschrittenem Gebärmutterhalskrebs nach Strahlentherapie unter Fatigue, Schlaflosigkeit oder Hitzewallungen. Diesem Umstand sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.
• Eine dänische Forschergruppe hat herausgefunden, dass die Behandlung bestimmter Formen von Lungenkrebs mit adaptiver Radiotherapie zu einer signifikanten Abnahme der Häufigkeit von Strahlen-Pneumonitis führt. Diese Nebenwirkung machte oft eine Dosisreduktion erforderlich, die jedoch wiederum die Prognose der Tumorerkrankung verschlechtert.
• Die Behandlung von Prostatakrebs mit einer einzigen Hochdosis-Bestrahlung (HDR-Brachytherapie) direkt in das Tumorgewebe führt zu einer guten Lebensqualität und weniger Spitalsaufenthalten. Die Nebenwirkungen sind dabei nicht stärker ausgeprägt als jene von wiederholten Strahlentherapie-Sitzungen mit niedrigeren Dosen, wie eine spanische Studie zeigt. Sechs Monate nach der Behandlung zeigten sich 77 Prozent der Patienten "extrem zufrieden" mit ihrer Behandlung und ihrer Lebensqualität. 23 Prozent waren "sehr zufrieden". 
• Bei Patienten mit Pankreaskrebs im Frühstadium kann laut einer italienischen Studie Radiotherapie, wenn ausreichend hochdosiert, lebensverlängernd wirken. Bisher war man davon ausgegangen, dass Pankreaskarzinome in einer gewissen Weise strahlenresistent sind. Die neuen Ergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass die bisher angewandten Dosen zu niedrig gewesen sein könnten. 
• In vielen Ländern der Welt ist die Versorgung mit Radiotherapie äußerst mangelhaft oder überhaupt nicht gegeben. Auf dem ESTRO 36 wurden Kooperationspläne zur Lösung dieses globalen Problems angekündigt, mit dem Ziel, eine Million Menschenleben bis 2035 zu retten. Die GIRO (Globaler Einfluss von Radiotherapie in der Onkologie)-Partnerschaft soll führende Radioonkologen vereinen, um Awareness für aktuelle Probleme zu schaffen und Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.
 
 
Bilder vom Pressefrühstück (©wdw):
http://wdw4friends.at (unter VIE-Hospital_Image)
 
Audiobeiträge vom Pressefrühstück:
http://www.o-ton.at
(kostenlose Registrierung für JournalistInnen)

 

Presseinformation Mai 2017

 


 


<< zurück zur Übersicht